Seit der Eiszeit hat der Wind im Dresdner Süden Löß angeweht, und daraus wurden sehr fruchtbare Böden. Das hielt die Häuser fern. Zwar gehört die Südvorstadt wie die anderen Vorstädte der Altstadt schon seit 1835 zu Dresden, doch erst um 1850 begann hier städtisches Bauen, und die Grundeigentümer gaben ihr Ackerland auch dann nur zögernd her.
Zwei verschwundene Siedlungen
- Boskau
- 1315 als Boscou erwähnt, altsorbisch „Dorf des Bozek“, nördlich des heutigen Beutlerparks gelegen; schon 1449 als wüst bezeichnet.
- Auswick
- 1350 als Uzmik genannt, von altsorbisch usmyk, „Talzugang“, nahe der heutigen Münchner Straße; später betrieb der Dresdner Rat hier das Vorwerk Auswick.
Alte Wege, neue Straßen
Zu den ältesten Wegen gehörte der Kälberweg, der entlang der heutigen Strehlener Straße nach Strehlen führte. Der Zellesche Weg verdankt seinen Namen dem Kloster Altzella bei Nossen: Bis zur Reformation fuhren die Mönche auf ihm zu ihrem Klosterhof in Leubnitz. Die Dippoldiswalder Straße wurde 1841 ausgebaut und hieß in der Südvorstadt ab 1855 Bergstraße; nahe dem heutigen Fritz-Foerster-Platz stand zeitweise ein Einnehmerhaus für den Wegezoll.
1868 entstand die Hauptachse vom Bahnhof nach Süden, 1871 bekam sie den Namen Reichsstraße, heute heißt sie Fritz-Löffler-Straße. Beim Umbau des Böhmischen Bahnhofs zum Hauptbahnhof 1892 grub man östlich daneben eine Unterführung unter den Hochgleisen. Seither lief die Straße schnurgerade von der Inneren Altstadt bis an die damalige Südgrenze der Stadt. Ab 1883 fuhr eine Pferdebahn bis zur Reichenbachstraße, 1896 wurde auf Strom umgestellt, mit einer Eigenheit: In der Südvorstadt fuhren die Wagen mit Akkumulatoren, weil Oberleitungen die empfindlichen Messapparate der Technischen Hochschule an der Reichsstraße gestört hätten.
Anstalten, Friedhof und Villen
An der heutigen Budapester Straße eröffnete 1836 eine Blindenanstalt, 1837 daneben eine Taubstummenanstalt, die 1879 erweitert wurde. An der 1856 angelegten Schweizerstraße lockte die Gastwirtschaft „Zum Schweizerhäuschen“. Den Beutlerpark nannte man früher Schanzenpark, weil die Preußen 1866 am Bornberg eine Schanze aufgeworfen hatten; seinen heutigen Namen trägt er nach Oberbürgermeister Otto Beutler (1853-1926).

1848 wurde an der Chemnitzer Straße der Annenfriedhof angelegt. Am Eingang steht die überlebensgroße Bronze der Kurfürstin Anna, die Robert Henze 1869 schuf; bis 1945 schmückte sie den Brunnen vor der Annenkirche. Anna von Dänemark (1532-1585) war die Frau Kurfürst Augusts.
Begraben sind hier der Maler Julius Schnorr von Carolsfeld, die Schauspieler Emil Devrient und Bogumil Dawison, Oberbürgermeister Alfred Stübel, der Geologe Bruno Geinitz und R. Wilke, der die Göltzschtalbrücke gebaut hat. Unter den ersten Gräbern waren die der Toten des Maiaufstands 1849; an sie erinnert der Obelisk in der Friedhofsmitte.
Die neogotische Möckel-Villa an der Leubnitzer Straße 28 baute sich der Architekt Gotthelf Ludwig Möckel 1877/78 selbst, 1995 wurde sie restauriert. Möckel arbeitete zehn Jahre in Dresden, gab unter anderem der Briesnitzer Kirche ihre neogotische Gestalt und ging dann als Hofbaumeister nach Schwerin.
Nach 1870 füllte sich das Gebiet zwischen Winckelmann- und Franklinstraße, Strehlener und Reichenbachstraße mit einem gleichförmigen Viertel im Rechteckraster. Hotels und Pensionen rund um den Bahnhof zogen so viele Ausländer an, dass man vom Diplomatenviertel sprach. Hier entstanden die Russisch-Orthodoxe Kirche, 1884 die Amerikanische Kirche an der Bergstraße und kurz darauf die Englische Kirche an der Wiener Straße. Als 1899 der Plan für die 30 m breite Nürnberger und die 40 m breite Münchner Straße genehmigt war, wuchs dort ein Viertel mit großen Wohnungen für gut situierte Bürger, nach 1920 mit Einzelhäusern Richtung Räcknitz und Reihenhäusern an der Nöthnitzer Straße Richtung Plauen. Um die Schweizer Straße lag das wohlhabende Schweizer Viertel.
Russisch-Orthodoxe Kirche

Bild: Russisch-Orthodoxe Kirche an der früheren Reichsstraße
Gebaut wurde sie 1872-1874 vor allem für die russische Gesandtschaft im Königreich Sachsen. Die Pläne stammen von Harald Julius von Bosse, einem russischen Staatsrat deutscher Herkunft, der in St. Petersburg die deutsche Kirche errichtet hatte, und von Karl Weißbach. Der 33 m lange und 13 m breite Ziegelbau ist mit Sandstein verkleidet, der Glockenturm misst 40 m, und die fünf Zwiebeltürme folgen russischen Kirchen des 16. und 17. Jahrhunderts. Für die Ausstattung fehlte Geld, sie blieb unvollendet. Die archaisierenden Ikonen der Bilderwand malte James Marshall. Von den drei Kirchen des Diplomatenviertels ist sie die einzige, die nach 1945 wieder aufgebaut wurde.
Maria-Gey-Brunnen

Auf dem Friedrich-List-Platz, dem früheren Bayrischen Platz, steht ein Brunnen von Akademieprofessor Georg Wrba aus dem Jahr 1911, gekrönt von einer Aphrodite. Gestiftet hat ihn der Arzt Dr. Heinze zum Andenken an seine früh verstorbene Frau, die Kunststudentin Maria Gey Heinze. Ringsum wurde im Februar 1945 alles zerstört, der Brunnen blieb unversehrt.
Lukaskirche

Georg Weidenbach baute die Lukaskirche am Lukasplatz 1898-1908 in einer Mischung aus Neorenaissance und Jugendstil; geweiht wurde sie 1903. Ringsum entstanden Häuser für die Kirchenverwaltung. Nach der Zerstörung 1945 wurde die Kirche 1963-1972 wieder aufgebaut. Ihre Akustik war so gut, dass Dresdner Philharmonie und Sächsische Staatskapelle hier Schallplatten aufnahmen.
Nach 1945
Zwischen Hauptbahnhof, Reichenbach- und Nürnberger Straße trafen die Bomben besonders schwer. Vom Viertel zwischen Strehlener und Reichenbachstraße blieb ein einziges Haus an der Rabener Straße stehen, weiter südlich gab es nur stellenweise größere Schäden. Auf der leeren Fläche südlich des Bahnhofs entstanden locker verteilt Gebäude der Verkehrshochschule, Verwaltungsbauten und Wohnblöcke. Am Strehlener Platz zog die Ingenieurschule für Verkehrstechnik ein, und wo die Städtische Jugendherberge ausgebrannt war, wurde das Interhotel Astoria gebaut, der erste Hotelneubau Dresdens nach dem Krieg. In den 1990er Jahren riss man es ab.

Der Zellesche Weg wurde mehrspurig ausgebaut, und an ihm entstanden Institute unter anderem der Technischen Universität. Mit Nürnberger Straße und Nossener Brücke gehört er zum äußeren Tangentenring zwischen Pirna und Meißen, die Budapester Straße verbindet diesen Ring mit dem inneren. Der große Wohnungsbau begann 1953/54, noch meist in Ziegelbauweise, an der Nürnberger Straße, und die ersten Mieter dort waren vor allem Bergarbeiter der Wismut.