Wittenberg war die Wiege der Reformation, Sachsen ihr Mutterland. Am 31. Oktober 1517, am Vorabend des Ablassfestes zu Allerheiligen, machte Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel öffentlich, der Überlieferung nach durch Anschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. In Rage gebracht hatte ihn vor allem der Dominikaner Johannes Tetzel, gebürtig aus Pirna und in Leipzig tätig, wo er 1519 im Dominikanerkloster starb.
Luther, Friedrich der Weise und Herzog Georg
Der gerade erfundene Buchdruck trug Luthers Lehre schnell durch Deutschland; der Leipziger Meister Melchior Lotter gehörte zu seinen ersten Druckern. Populär als Vorkämpfer gegen das Papsttum wurde Luther durch die Disputation mit Dr. Eck in der Leipziger Pleißenburg.
Kurfürst Friedrich III. der Weise (reg. 1486-1525), der von Wittenberg aus das ernestinische Sachsen regierte, nahm offen Partei für Luther. Nachdem der Reformator auf dem Reichstag zu Worms 1521 vor Kaiser und Fürsten bei seinem Bekenntnis geblieben und geächtet worden war, versteckte ihn Friedrich als „Junker Jörg“ auf der Wartburg. Dort und in späteren Jahren arbeitete Luther an der Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Er griff dabei auf die meißnische, obersächsische Kanzleisprache zurück, die so zur Grundlage des modernen Deutsch wurde.
Auch Herzog Georg der Bärtige (1471-1539), Landesherr des albertinischen Sachsens mit Leipzig und Dresden, nahm an der Leipziger Disputation teil. Er strebte selbst eine Kirchenreform an, um Kommerz und Korruption einzudämmen. Luthers Bekenntnis zu Jan Hus machte ihn jedoch zum Gegner.
1522 ordnete Georg die Gefangennahme jedes Evangelischen in seinem Land an und verbot evangelische Drucke; Luthers im selben Jahr erschienene Bibelübersetzung ließ er in Leipzig gegen Erstattung des Kaufpreises einziehen. Trotzdem traten lutherische Prediger auf, und 1524 verlangten 105 Leipziger Bürger per Unterschriftensammlung einen für die Stadtkirche. 1533 ließ Georg lutherisch Gesinnte aus Leipzig vertreiben.
Die politisch sehr eigenständige, vom Bürgertum der Städte bestimmte Oberlausitz führte die Reformation schon 1521 ein. Unter dem Einfluss der böhmischen Landesherrschaft blieben dort nur das Domstift Bautzen und die Klöster Marienstern, Marienthal und Lauban katholisch.
Bauernkrieg und evangelische Landeskirche
In Sachsen blieben die Konflikte um die Reformation örtlich begrenzt, etwa in Borna. In Thüringen dagegen brach der große Bauernaufstand unter Thomas Müntzer (um 1490-1525) aus, den man 1521 aus Zwickau vertrieben hatte. Luther lehnte den Aufstand ab, der am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen blutig endete. An der Niederschlagung und an den Grausamkeiten gegen Müntzer und seine Anhänger hatte Herzog Georg wesentlichen Anteil; der Papst würdigte ihn als „einen beständigen Verteidiger des alten Glaubens und einen gehorsamen Sohn der Kirche“.
Friedrich der Weise begegnete der neuen Lehre freundlich, aber vorsichtig; vor seinem Tod 1525 empfing er das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Sein Bruder und Nachfolger Johann der Beständige (reg. 1525-1532) bekannte sich ohne Kompromiss zur Reformation.
Gegen den katholischen Bund, den Herzog Georg 1525 in Dessau mit dem Erzbischof von Mainz, dem Kurfürsten von Brandenburg und braunschweigischen Herzögen geschlossen hatte, stellte Johann 1526 in Torgau einen evangelischen Gegenbund, dem unter anderem Landgraf Philipp von Hessen, der Herzog von Preußen und die Stadt Magdeburg angehörten. Im selben Jahr räumte der Reichstag von Speyer den evangelischen Reichsständen bis zu einem Konzil die Kirchenhoheit ein.
1527 ließ Johann Kirchenvisitationen durchführen und baute eine evangelisch-lutherische Landeskirche auf. Als „oberster Bischof“, dem die Superintendenten direkt unterstanden, hielt der Kurfürst nun auch die geistliche Gewalt; diese Einheit von Staat und Kirche endete in Sachsen erst 1918 mit der Monarchie. Mit der Torgauer Visitationsordnung von 1527 galt die Reformation im ernestinischen Sachsen offiziell. Die Landesuniversität Wittenberg, an der Luther und Melanchthon lehrten, wurde ihr geistiger Mittelpunkt, und Kursachsen führte die evangelischen Reichsstände an, bis August der Starke 1697 für die polnische Krone katholisch wurde.
Protestanten, Augsburger Bekenntnis und Schmalkaldischer Bund
Den Namen „Protestanten“ gibt es seit dem II. Reichstag zu Speyer 1529, auf dem die evangelischen Fürsten ihren Glauben bezeugten, „pro-testierten“. In Torgau, wo Luther oft weilte, entstanden 1530 die Torgauer Artikel, Grundlage der Augsburger Konfession. Kurfürst Johann ließ das vor allem von Melanchthon verfasste Bekenntnis auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 feierlich vortragen. Zu einer Einigung mit Kaiser Karl V. kam es nicht.
Den Schmalkaldischen Bund der evangelischen Reichsstände unter Führung Kursachsens und Hessens sah Johann mit Unbehagen und erreichte 1532 den Nürnberger Religionsfrieden. Noch im selben Jahr starb er; sein Sohn Johann Friedrich der Großmütige (reg. 1532-1547) folgte ihm.
Herzog Heinrich der Fromme
Herzog Georg starb 1539 und ruht in der Georgenkapelle des Meißner Doms. Zuvor hatte er noch versucht, durch die Heirat seines geistesschwachen Sohnes Friedrich die Nachfolge seines evangelischen Bruders Heinrich zu verhindern. Heinrich hatte 1537 unter dem Einfluss seiner Frau Katharina von Mecklenburg in seinen Ämtern Freiberg und Wolkenstein die Reformation eingeführt und war dem Schmalkaldischen Bund beigetreten.
1539 führte Heinrich der Fromme (1473-1541) die Reformation auch im albertinischen Sachsen ein. Zwei Kirchenvisitationen prüften die Pfarreien und Klöster, die Kirchengüter kamen zunächst unter die Verwaltung der Landstände. Schon bei Regierungsantritt unheilbar krank, starb Heinrich 1541 und wurde als erster Wettiner im Freiberger Dom beigesetzt.
Herzog Moritz: Klostergut, Festungen, Fürstenschulen
Sein Sohn Moritz übernahm das nun protestantische albertinische Sachsen und die Führung der evangelischen Reichsstände. Die Säkularisierung der Kirchengüter und Klöster brachte Landesherrn und Städten enorme Reichtümer; die Begeisterung für die Reformation dürfte eher finanzielle als religiöse Gründe gehabt haben. Moritz baute damit die Befestigungen von Leipzig und Dresden aus und ließ das Dresdner Residenzschloss zum Renaissance-Schloss umgestalten. Die Leipziger Universität erhielt das Paulinerkloster mit fünf Dörfern.
Um fähige und treue Staatsbeamte heranzubilden, gründete Moritz die Fürstenschulen in Meißen mit 60, Grimma mit 70 und Schulpforta mit 100 Plätzen. Sie können als Vorläufer der deutschen Gymnasien gelten.
Mit seinem in Torgau residierenden Vetter Kurfürst Johann Friedrich geriet Moritz über die Steuern aus dem gemeinsam verwalteten Stift Wurzen in Streit. 1542 besetzte er kurzerhand das Wurzener Land und ließ sich die Rückgabe mit dem Amt Stolpen vergüten. Noch 1545 kämpfte er auf Seiten des Schmalkaldischen Bundes gegen Herzog Heinrich von Braunschweig. Der Kaiser aber nutzte den „Wurzener Fladenkrieg“, um Moritz mit der Zusicherung von Glaubensfreiheit und Kurwürde an das katholische Lager zu binden.
Mühlberg 1547 und die Kurwürde
Am 24. April 1547, in der Entscheidungsschlacht des Schmalkaldischen Krieges bei Mühlberg an der Elbe nahe Torgau, kämpfte Moritz auf der Seite Karls V. gegen die protestantischen Mächte. An der Gefangennahme seines Schwiegervaters, Landgraf Philipp von Hessen, und seines Vetters Johann Friedrich hatte er maßgeblichen Anteil.
In der Wittenberger Kapitulation verlor Johann Friedrich die Kurwürde, die Wittenberger Kurlande, seinen Anteil am Meißner Land und an den Bergstädten sowie die böhmischen Lehen. Sein Todesurteil wurde abgemildert; er starb 1554 in Weimar. Der Oberlausitzer Sechsstädtebund, der seine Truppen für den Kaiser vorzeitig abgezogen hatte, büßte im Pönfall seine Vorrechte ein, und der Adel der Oberlausitz gewann wieder an Gewicht.
Noch im Feldlager, am 4. Juni 1547, verlieh der Kaiser Moritz die Kurwürde, die feierliche Belehnung folgte am 24. Februar 1548. Von nun an kamen die sächsischen Landesherren aus der albertinischen Linie der Wettiner, während die ernestinischen Herzogtümer, vor allem in Thüringen gelegen, durch weitere Teilungen an Bedeutung verloren. Die Leipziger Teilung von 1485 war, bis auf die thüringischen Länder, großenteils aufgehoben: Zu Kursachsen gehörten nun auch das Kurland mit Wittenberg und der ernestinische Teil der Mark Meißen.
Viele Hoffnungen erfüllten sich nicht. Die Schirmherrschaft über die Stiftslande entging Moritz, das kursächsische Vogtland erhielt Heinrich Reuß von Plauen, und vor allem ließ Karl V. den Landgrafen von Hessen nicht frei, den Moritz dazu gebracht hatte, sich zu ergeben. Moritz sah darin einen Vertrauensbruch und schlug sich wieder auf die protestantische Seite.
Dresden wird Residenz des führenden protestantischen Landes
Unter Moritz begann der Umbau Dresdens zur prächtigen Renaissance-Residenz; als Hauptstadt des führenden protestantischen Landes erlebte die Stadt einen enormen Aufstieg. Kursachsen zählte Mitte des 16. Jahrhunderts etwa 500.000 Einwohner, rund ein Prozent davon adlig.
In der Staatsverwaltung schuf Moritz den „kollegialischen“ Hofrat als oberste Behörde, gliederte das Land in fünf Kreise, gründete die Konsistorien Meißen und Leipzig, erließ ein Kirchengesetz und ließ Orte und Hufen samt Belastungen in Amtsbüchern erfassen.
1551 stellte er sich an die Spitze der protestantischen Fürstenopposition gegen den Kaiser und zwang ihn zur Anerkennung des Passauer Vertrages von 1552. Dieser sicherte den Bestand des Protestantismus und die Unabhängigkeit der Reichsfürsten und ebnete den Weg zum Augsburger Religionsfrieden.
Sievershausen und das Moritzmonument
Am 11. Juli 1553 starb Moritz, erst 32 Jahre alt, im lüneburgischen Sievershausen. Er hatte dort Albrecht Alcibiades von Brandenburg, der im Auftrag des Kaisers gegen seine Verbündeten aufmarschiert war, in einem Reitergefecht besiegt und dabei eine Schusswunde am Rücken erlitten. Die genaue Todesursache ist ungeklärt; vielleicht vergifteten ihn Parteigänger der Habsburger auf dem Krankenlager aus Rache für seinen Seitenwechsel.
Beigesetzt wurde Moritz in der Begräbniskapelle des Freiberger Doms, wo seitdem das aufwendigste Grabmal der Wettiner steht. Sein jüngerer Bruder und Nachfolger August ließ ihm noch 1553 an der Hasenbastei in Dresden ein Denkmal setzen, das erste historische Denkmal Sachsens. Das Moritzmonument steht heute am Fuß der Jungfernbastion der Brühlschen Terrasse.