Kupferstich-Kabinett

Kurzinformationen

Gründung:1720 unter August dem Starken, ausgegliedert aus der Kurfürstlichen Kunstkammer
Erster Leiter:Johann Heinrich Heucher
Frühere Orte:Französischer Pavillon des Zwingers (1727-1746), Sempergalerie (ab 1856), Museumsgebäude an der Güntzstraße (bis 2003)
Standort:seit April 2004 im Residenzschloss
Blätter aus dem Kupferstich-Kabinett von Van Eyck, Holbein und Brueghel

Van Eyck, Holbein, Brueghel: Beispiele aus der Sammlung

Um 1505 arbeitete Lucas Cranach d. Ä. für den sächsischen Hof, damals noch in Wittenberg. Werke von ihm lagen schon in der Kunstkammer, die Kurfürst August von Sachsen (reg. 1553-1586) um 1560 im Residenzschloss einrichtete. Aus diesem Bestand ging 1720 das Kupferstich-Kabinett hervor, eine der ältesten grafischen Sammlungen der Welt und das älteste Museum für grafische Kunst im deutschsprachigen Raum.

Aus der Kunstkammer

Ein Inventar von 1587 nennt Blätter von Sebald Beham, Tobias Stimmer, Jost Amman, Hirschvogel und Virgil Solis. 1588 kamen Albrecht Dürers „Messunterweisungen“ hinzu, 113 Holzschnitte und 69 Kupferstiche aus dem Besitz von Endres Cranach. Nach 1650 wuchs das Interesse an Grafik deutlich: 1661 trafen Probedrucke von Burgkmairs Holzschnittfolge „Der Triumphwagen Kaiser Maximilians“ ein, 1664 zweiundzwanzig Kupferstiche von Lucas van Leyden, später Bildniszeichnungen von Wallerant Vaillant.

Heucher, Wagner und die Rembrandts

Rembrandt van Rijn: Die drei Kreuze

August der Starke ließ Johann Heinrich Heucher den grafischen Bestand der Kunstkammer erfassen. Mit rund 1.100 Grafiken und Zeichnungen entstand 1720 das Estampes-Cabinet, eine der ersten Sammlungen dieser Art in Deutschland. Von 1727 bis zu Heuchers Tod 1746 lag es im Französischen Pavillon des Zwingers, dem „Kupferstich-Salon“.

Beim Leipziger Kunsthändler Weidemann kaufte Heucher 1723 insgesamt 341 Blätter. 1728 zahlte August 2.000 Taler an die Witwe des Leipziger Baumeisters Gottfried Wagner für dessen 10.202 Zeichnungen, die sich „in großer Confusion“ befanden. Darin steckten zahlreiche Rembrandts, acht Blätter von Pieter Bruegel und Jan van Eycks Bildnis des Kardinals Albergati. Heucher erwarb außerdem 854 Werke deutscher Grafiker des 15. Jahrhunderts und sammelte gezielt Rembrandt-Radierungen, bis es 180 waren. Unter Friedrich August II. kamen 1743 aus dem Nachlass des Prinzen Eugen rund 350 Blätter, die man zunächst Rembrandt zuschrieb.

Wie viele Zeichnungen wirklich von Rembrandt stammen, hat die Forschung lange beschäftigt. Von ursprünglich 126 hielt der Niederländer Cornelis Hofstede de Groot 1890 noch etwa 90 für echt, Otto Benesch von der Albertina in Wien 1954 nur noch 47. Übrig blieben 21, die als eigenhändig gelten. Andere, künstlerisch kaum schwächer, stammen etwa von Koninck, Fabritius und Maes.

Bei der Gründung 1720 besaß das Kabinett zwei echte Rembrandt-Zeichnungen, „Beschneidung Christi“ und „Bärtiger alter Mann mit Barett“. Die meisten übrigen kamen 1728 mit der Sammlung Wagner. „Junge Frau und alter Mann“ wurde 1899 in Stuttgart ersteigert, „Haus Kostverloren“ kam 1910 aus dem Besitz des Dresdner Kammerherrn von Winkler.

Heinecken und der Aufstieg bis 1760

1746 übernahm Carl Heinrich von Heinecken (1707-1791), Privatsekretär des Premierministers Heinrich von Brühl, Gemäldegalerie und Kupferstich-Kabinett. Er kaufte rund 50.000 Blätter, dem Zeitgeschmack folgend meist Kupferstiche, seltener Zeichnungen. Die frühen deutschen Stiche und die Radierungen von Herkules Seghers aus seiner Zeit gehören seither zu den Glanzpunkten. Um 1760 war Dresden mit etwa 130.000 Blättern nach der Bibliothèque Nationale in Paris die zweitwichtigste grafische Sammlung Europas.

Nach dem Tod des Kurfürsten und Brühls 1763 entlassen, schrieb Heinecken über die Sammlung und schlug 1771 in seiner „Idée générale d'une collection d'Estampes“ eine moderne Gliederung vor.

Magere Jahrzehnte nach 1763

Brühls eigene grafische Sammlung mit mehreren tausend Blättern ging nicht nach Dresden, sondern an Zarin Katharina II. und wurde zum Grundstock der Grafiksammlung der Eremitage in St. Petersburg. König Friedrich August I. (reg. 1763-1827) kaufte 6.000 Blätter, viele englische, allerdings für seine Privatsammlung. Ins Kabinett gelangten sie erst nach seinem Tod. 1831 folgten 700 Zeichnungen aus der Bildnissammlung Vogel von Vogelstein. Friedrich August II. (reg. 1836-1854) ließ dem Kabinett kaum Mittel und erwarb stattdessen etwa 110.000 Grafiken und viele Zeichnungen für den Privatbesitz der Wettiner, der nach 1925 verkauft wurde.

In der Sempergalerie ab 1856

1856 bezog das Kabinett das Erdgeschoss der zwei Jahre zuvor fertiggestellten Sempergalerie. Aus einem Ort höfischer Bilddokumentation wurde eine Kunstsammlung, in der kunstwissenschaftlich gearbeitet wurde. 1860 ersteigerte Direktor Gruner in London aus dem Nachlass von S. Woodburn 72 Zeichnungen alter Meister, darunter Blätter von Signorelli, Fra Bartolomeo, Correggio, Pietro da Cortona und Hans Holbein d. J.

Ab 1882 leitete Galeriedirektor Karl Woermann auch das Kabinett, von 1895 bis 1923 sein früherer Assistent Max Lehrs. Woermann veröffentlichte als Erster wissenschaftlich über die Altmeisterzeichnungen, Lehrs ein neunbändiges Werk über deutsche, französische und niederländische Kupferstiche des 15. Jahrhunderts. Nun konnte auch das bürgerliche Publikum die Blätter einsehen. Ab 1885 gab es wechselnde Ausstellungen, ab 1898 in einem zweiten Saal monatlich die Neuerwerbungen.

Ab 1880 entstand eine der reichsten Sammlungen deutscher Grafik und Zeichenkunst des 19. Jahrhunderts: sämtliche Probedrucke zu Ludwig Richters Holzschnitten (1884 gestiftet), 300 Zeichnungen von Julius Schnorr von Carolsfeld (1887), 111 von Alfred Rethel (1897) und die Sammlung Cichorius mit 1.200 Zeichnungen der Romantik (1908). Ab 1883 kaufte man Max Klinger, ab 1889 Liebermann, Menzel und Thomas, ab 1898 den Weber-Zyklus von Käthe Kollwitz. Von ihr besaß das Kabinett 1902 schon 87 Blätter, bis 1933 etwa 170 Grafiken und 25 Zeichnungen. Vermittelt hatte das der Generaldirektor der Dresdner Museen, Woldemar von Seydlitz, der auch japanische Farbholzschnitte und französische Impressionisten nach Dresden holte.

Die französische Abteilung mit 160 Grafiken und 5 Zeichnungen von Toulouse-Lautrec, ab 1893 aufgebaut, galt um 1910 als die beste außerhalb Frankreichs.

Expressionisten und die Zäsur von 1937

Ausstellungsraum des Kupferstich-Kabinetts um 1930

Nach dem Ende der Monarchie 1918 kamen die Expressionisten. Lehrs erwarb am Ende seiner Amtszeit 30 Blätter, 4 Folgen und 5 Zeichnungen von Kokoschka, 48 Werke der „Brücke“ und Arbeiten von Franz Marc, Barlach, Beckmann, Hofer und Rohlfs. Kurt Zoege von Manteuffel, Direktor von 1924 bis 1941, setzte auf Grosz, Marcks und Feininger, etwas weniger auf Klee, Macke und Kandinsky, kaufte Picasso, Matisse und Chagall, aber ebenso Dresdner wie Dix, Felixmüller, Hegenbarth und Lachnit sowie 40 Zeichnungen von Caspar David Friedrich.

Ab 1933 fehlte das Geld. Eine der wenigen großen Erwerbungen war 1937 die Stiftung von Dr. Lahmann mit 1.988 Zeichnungen und 6.330 Blättern älterer Meister. Im selben Jahr beschlagnahmten die Nationalsozialisten 381 Grafiken und Zeichnungen, vor allem expressionistische.

Auslagerung und Neuanfang nach 1945

Zu Kriegsbeginn wurde die Sammlung nach Schloss Weesenstein gebracht. In den Wirren des Kriegsendes gingen Zeichnungen von Dürer, Cranach, Altdorfer, Menzel und Kollwitz verloren, vermisst wurden 10.384 Grafiken und 644 Folgen. Die Bestände, die die Sowjetarmee abtransportiert hatte, kehrten Anfang 1959 zurück, unvollständig: Etwa 50.000 Blätter fehlten.

Wolfgang Balzer leitete ab 1946 den Neuanfang der nun „Grafische Sammlung“ genannten Einrichtung. 1949 wurden 550 ältere sächsische Werke gekauft, bis 1950 rund 100 Blätter deutscher Expressionisten, 1957 etwa 1.100 französische Stiche des 18. Jahrhunderts und japanische Holzschnitte aus dem Nachlass von Hans Wolfgang Singer. Bis 1958 kamen etwa 2.700 Grafiken und 3.200 Zeichnungen hinzu, viele von Dresdner Zeitgenossen wie Hans und Lea Grundig, Hans Theo Richter und Fritz Schulze.

Nach 1959 lag der Schwerpunkt auf internationaler Gegenwartskunst: Lissitzky und Faworski aus der Sowjetunion, Delaunay, Hartung, Soulages, Dubuffet und Wols aus der École de Paris, Picasso aus der Stiftung Kahnweiler, aus den USA Motherwell, Jasper Johns, Rauschenberg, Warhol und Rosenquist. Balzers Vermächtnis brachte 1968 weitere 3.350 Blätter, unter anderem von Daumier und Gavarni. Seit März 1963 hatte das Kabinett einen festen Sitz im Museumsgebäude an der Güntzstraße in der Johannstadt und richtete von dort Ausstellungen in aller Welt aus.

Im Residenzschloss

Im April 2004 eröffnete das Kupferstich-Kabinett im wiederaufgebauten Residenzschloss mit der Sonderausstellung „Weltsichten“. Die neuen Räume unter dem Dach im dritten Obergeschoss wurden nach Sammlern, Künstlern und Direktoren benannt, etwa der Saal der künstlerischen Fotografie nach Hermann Krone und der Saal des 20. Jahrhunderts nach Wolfgang Balzer. Die Schränke aus Französischer Erle bauten die Deutschen Werkstätten Hellerau.

Mit dem Umzug verbunden war eine Inventur. Dabei tauchten Zeichnungen auf, die als verschollen galten, darunter die „Elsa“ von Toulouse-Lautrec: Sie hatte in einer falschen Mappe gelegen.

Sammlungen zwischen Schloss und Zwinger