Stadtteil Tolkewitz

1745 sah der Prohliser Bauer und Sternkundige Johann Georg Palitzsch, der später den Halleyschen Kometen wiederentdeckte, zum ersten Mal durch ein Fernrohr. Das Instrument stand in Tolkewitz, beim Garnhändler Christian Gärtner, der in Leipzig Linsen schleifen gelernt hatte und neben seinem Handel Teleskope baute.

Die Wiesenaue des Niedersedlitzer Flutgrabens teilt die Flur in zwei Hälften: östlich der Dorfkern Alttolkewitz, westlich Wasserwerk, Johannisfriedhof, Krematorium und eine große Wohnsiedlung. Genannt wird der Ort zuerst 1350 als Tolkenwicz, „Leute des Tolkan“, nach Dresden kam er 1912.

Ein Ratsdorf

Ab 1396 gehörte das Gassendorf dem Kloster Altzella, das in Leubnitz einen Klosterhof hatte, und auch die Kreuzkirche zog lange Abgaben aus Tolkewitz. Nach der Reformation, ab 1550, war das Altstädter Religionsamt des Dresdner Rats Lehnsherr, und Tolkewitz zählte zu den acht Ratsdörfern der Stadt. Der sandige, feuchte und von Hochwasser bedrohte Boden taugte wenig für die Landwirtschaft, also zwirnten viele Familien in Heimarbeit.

1800 ließ Kabinettsminister Graf von Loeben bei Tolkewitz einen Lustgarten mit zweigeschossigem Landhaus anlegen, Gottfried Herder war hier zu Gast. Die Kämpfe von 1813 zerstörten Garten und Haus.

Ländlich blieb der Ort bis tief ins 19. Jahrhundert. Der große Dorfbrand von 1873 vernichtete viele Häuser, einige Bauernhöfe, Häusleranwesen und der alte Dorfgasthof überstanden ihn. Aus dem Gasthof wurde noch im selben Jahr das Tanzlokal „Donaths Neue Welt“. Drei Bauern bauten ihre Höfe nach dem Brand neu im Tännicht, und auf diesem Land entstanden später eine Baumschule (1893), der Straßenbahnhof und das Krematorium.

1900-1905 wuchsen im Westen neue Siedlungen, in den 1920er Jahren trieb der genossenschaftliche Wohnungsbau sie weiter. 1945 kam Tolkewitz glimpflicher davon als Striesen. Wolfgang Rauda baute 1951 die Betlehemkirche, die als erster Kirchenneubau der DDR gilt. Ab 1961 folgten Großblock- und Plattenbauten an der Marienberger und Altenberger Straße, bis das zusammenhängende Wohngebiet von Johannstadt und Striesen an den Flutgraben reichte.

Wasserwerk

1891 kaufte die Stadt das Schwemmland an der Mündung des Flutgrabens und baute darauf, auf einer großen Aufschüttung, 1896-1898 ihr zweites Wasserwerk nach der Saloppe. In 35 ha Elbwiesen neben dem Johannisfriedhof trieb man mehr als 30 Brunnen 15 m tief in den Grundwasserstrom. Zwei Druckleitungen von 700 mm Durchmesser führten das Wasser zu zwei Hochbehältern im Räcknitzer Park, von denen aus die Stadtteile links der Elbe versorgt wurden. 1926 wurde das Gelände aufgehöht, damit die Elbe nicht eindringen konnte.

Johannisfriedhof und Krematorium

Kuppelbau der Friedhofskapelle auf dem Johannisfriedhof Tolkewitz

Bild: Friedhofskapelle von Paul Wallot, 1876, ein Zentralbau mit Neorenaissance-Schmuck

Die Gemeinden von Kreuz-, Frauen- und Johanniskirche legten den Johannisfriedhof gemeinsam im Tolkewitzer Tännicht an und weihten ihn 1881. Kranzbinder und Bildhauer zogen in die Nähe, ab 1894 auch Gärtnereien aus Striesen, und der Friedhof selbst wurde mehrfach erweitert.

Begraben sind hier 22 Tote des Kapp-Putsches, 396 unter dem Nationalsozialismus hingerichtete Widerstandskämpfer und 68 KZ-Häftlinge; ein Ehrenhain gilt den Toten der Luftangriffe von 1945. Auch die Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Pfotenhauer, Otto Beutler und Bernhard Blüher liegen hier, Galeriedirektor Karl Woermann, die Kammersängerin Eva Plaschke-von der Osten und Oskar Seyffert, der das Volkskunstmuseum gründete.

Krematorium Tolkewitz mit Kuppelbau von Fritz Schumacher

1908 kaufte die Stadt drei Hektar Kiefernwald im Tännicht für ein Krematorium. Fritz Schumacher baute es 1909-1911 in einem eigenwilligen Jugendstil, der an das Grabmal des Gotenkönigs Theoderich in Ravenna denken lässt. Die Figuren schuf Georg Wrba.

Elbaufwärts im Dresdner Osten