Stadtteil Antonstadt (Äußere Neustadt)

Um 1700 hieß das Land nördlich und östlich der Altendresdner Stadtmauer schlicht „Der Sand“. Der Name war ehrlich gemeint: Wo die Ackerbürger nach der Rodung des Heidewalds Felder und Weingärten angelegt hatten, war der Boden ausgelaugt, der Wald im Dreißigjährigen Krieg geplündert und die Streu weggerecht worden, bis der Wind die Äcker unter Sand begrub. Heute liegt hier die Antonstadt zwischen Alaunplatz, Forststraße, Elbe, Glacisstraße und Dammweg.

„Auf dem Sande“

Um 1760 zählte der rund 350 ha große „Anbau auf dem Sande“ nur etwa 50 Hausbesitzer. Die Hälfte wohnte nahe der Stadtmauer und unterstand dem Rat, die übrigen dem kurfürstlichen Amt. Wer wollte schon neben den Pulverhäusern leben, die von 1750 bis 1764 hier standen, oder am Richtplatz mit dem Galgen, der bis 1732 genutzt wurde? Erst als die Pulverhäuser verlegt waren, wurden Straßen angelegt, aus denen unter anderem die Alaun- und die Louisenstraße hervorgingen.

Den eigentlichen Zuzug brachte der Siebenjährige Krieg (1756-1763). Aus den niedergebrannten Vorstädten kamen obdachlose Dresdner, darunter böhmische Gärtner, die sich ab 1760 hier neue Plätze schufen; nach ihnen heißt die Böhmische Straße. Neben den Gärtnereien arbeiteten eine Alaunflusssiederei am Alaunplatz und eine Eisengießerei am Ende der Bautzner Straße, an deren Stelle 1787 eine Meierei des Grafen Marcolini in Betrieb ging.

1777 richtete Oberkonsistorialrat Dr. Rädler in seinem Gartenhaus an der Louisenstraße die erste Schule „auf dem Sande“ ein, ab 1789 im Haus Louisenstraße 59. Es war eine Arbeitsschule. Kinder, deren Eltern kein Schulgeld zahlen konnten, spannen täglich von 13 bis 18 Uhr Flachs oder Schafwolle oder saßen in der Strick- und Nähklasse. Aus ihr ging 1823 die Armenschule Louisenstraße 37 hervor, in der ein Kinderbeschäftigungsverein 1857 eine Holzspalterei einrichtete.

Holzhof und Coselscher Garten

1687 legte der Kurfürst östlich von Altendresden einen Holzhof an. Auf seinem Gelände entstand 1874 das Königliche Gymnasium, eine staatliche Knabenschule direkt unter dem Kultusministerium. Um 1700 wurde die Holzhofgasse besiedelt, und Wirtshäuser kamen dazu, die zu beliebten Ausflugszielen wurden: das Ballhaus an der Bautzner Straße, das schon vor dem Zweiten Weltkrieg verschwunden war, und Altcosels Garten an der Südseite der Holzhofgasse. 1734 kam das spätere Linckesche Bad hinzu, 1764 ein Kurbad, 1776 ein Sommertheater.

Carl Maria von Weber verbrachte viele Sommer in Altcosels Garten. 1820 schrieb er hier die „Preziosa“, 1825 die Ouvertüre und die Schlussfassung der Wolfsschluchtszene des „Freischütz“. Das Weberhäuschen verbrannte im Februar 1945.

Arbeiterviertel und Villenufer

1835 kam der „Neue Anbau auf dem Sande“ als Antonstadt zu Dresden, benannt nach König Anton (reg. 1827-1836). Etwa 3.800 Menschen wohnten damals in rund 350 Häusern, um 1910 waren es etwa 56.700. Aus der Gartenvorstadt zwischen Alaun- und Prießnitzstraße wurde ein übervölkertes Arbeiterviertel, dessen eintönige Häuserzeilen bis an den Bischofsweg reichten. Besser wohnte man nur an der Bautzner Straße und rund um die 1887 geweihte Martin-Luther-Kirche.

Einen Plan gab es kaum. Rothenburger und Louisenstraße waren bis 1869 nicht verbunden, und der Marktplatz, der zwischen Alaun- und Martin-Luther-Straße entstehen sollte, wurde nie gebaut. Jordan- und Timaeusstraße erinnern an die Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus, gegründet 1833. Nachdem die Kasernen in die Albertstadt verlegt waren, exerzierte das Militär auf dem Alaunplatz, an dessen Nordseite ab 1870 die Schützenkaserne stand. Zwischen Prießnitz- und Pulsnitzer Straße liegt der Alte Jüdische Friedhof mit mehr als 1.000 Gräbern, belegt von 1751 bis 1869.

Villa Rosa an der Holzhofgasse nach einem alten Foto

Südlich der Bautzner Straße lag die Neustädter Festung, bis 1817 abgetragen und 1824 versteigert. Auf ihrem Gelände und den Privatgrundstücken bis zur Prießnitzmündung entstanden Villen mit großen Gärten. Die berühmteste, die Villa Rosa an der Holzhofgasse 20, baute Gottfried Semper 1839. Bis zum Ende des Jahrhunderts diente sie Villen in ganz Deutschland als Vorbild. 1945 wurde sie zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Mit zwei Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus Kaiserswerth eröffnete der Dresdner Frauenverein 1844 an der Böhmischen Gasse ein kleines Krankenhaus. 1847 zog es an die Bautzner Straße, 1858 wuchs es um mehrere Gebäude, und mit dem Johanniterhospital (1879) und dem Krankenhaus Holzhofgasse 29 (1893) wurde daraus die Diakonissenanstalt. Ihre Kirche von Lossow & Kühne aus dem Jahr 1927 brannte 1945 aus und stand bis 1962 wieder.

Granitener Pferdetränkebrunnen von Paul Polte an der Bautzner Straße

An der Ecke Bautzner Straße und Holzhofgasse stand der Gasthof „Zum Goldenen Löwen“. An ihn erinnert ein Pferdetränkebrunnen aus Granit, 1921 von Paul Polte geschaffen und laut Inschrift vom „Alten Tierschutzverein“ gestiftet.

Das Pestalozzi-Stift, 1837 vom Pädagogischen Verein in Löbtau für Waisenkinder gegründet, bekam 1876 einen Neubau an der Jägerstraße 34. 1880 folgte das Fletchersche Lehrerseminar in einen Neubau an der Marienallee 5. Die Inflation von 1923 beendete beide Stiftungen, später zogen Schulen in die Häuser.

Martin-Luther-Kirche

Lage:Martin-Luther-Platz
Bauzeit:1883-1887, Ernst Giese und Paul Weidner
Stil:Neogotik mit neoromanischen Elementen, ringsum rekonstruierte Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts
Mahnmal:1928 von August Schreitmüller am Chor, ein kniender Soldat und eine betende Frau für die Toten des Ersten Weltkriegs

Nach 1945

Auch die Antonstadt wurde im Februar 1945 getroffen, wenn auch nicht überall. Auf dem Alaunplatz lud man Schutt aus der enttrümmerten Neustadt ab, später wurde daraus eine große Grünanlage. Das Hauptpostamt an der Königsbrücker Straße, 1962-1964 gebaut, gehört zu den ersten bedeutenden Neubauten Dresdens nach dem Krieg. Die Rothenburger Straße bekam in der DDR viel von ihrem alten Bild zurück, während die modernisierten Quartiere an der Jordanstraße als Versuch dienten: Wissenschaftler der Technischen Universität sammelten dort Erfahrungen für den Umbau anderer Altbaugebiete. Die vielen Gründerzeithäuser, lange vernachlässigt, sind inzwischen saniert. Ab 1990 wurde das Viertel zwischen Königsbrücker Straße, Bautzner Straße und Bischofsweg als „Bunte Republik Neustadt“ zum Szeneviertel mit Kneipen, kleinen Läden und Bühnen.

Mit bemalten Fliesen ausgekleideter Ladenraum von Pfunds Molkerei

Ein Laden an der Bautzner Straße 79 trägt den Beinamen „schönster Milchladen der Welt“: Pfunds Molkerei, gegründet 1880. Die Ausstattung von 1892 lieferte Villeroy & Boch, farbig bemalte Majolikafliesen, die unter anderem das Molkereihandwerk zeigen; 1995 wurde der Raum restauriert. Der Molkereibetrieb der Familie Pfund lag nahe dem Alten Jüdischen Friedhof und stellte als erster in Deutschland Kondensmilch her.

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